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Ein Geschenk mit Symbolkraft

29. Juni 2026
Von Mark Riklin


HÄGGENSCHWIL – Ende Juli endet in Häggenschwil ein einmaliges Kapitel in der Schweizer Bildungslandschaft: Die erste privatisierte Oberstufe ist Geschichte. Nach 14 Jahren erfolgreicher Zusammenarbeit zwischen der Gemeinde Häggenschwil und der SBW Haus des Lernens AG wird die Oberstufe wieder öffentlich. Eine Würdigung.

Lömmenschwil, Gourmet-Restaurant «Neue Blumenau», Schulschlussessen im lauschigen Garten. Ein Abend, an dem nicht nur gegessen, gelacht und auf gemeinsame Jahre angestossen wird. Es gibt auch ein Geschenk: kein Blumenstrauss, kein Erinnerungsbuch, sondern ein rotes Telefon.

Reto Ammann, Verwaltungspräsident des SBW Haus des Lernens, überreicht es an Astrid Hafner-Popp, Schulpräsidentin der Gemeinde Häggenschwil. Ein rotes Telefon, wie man es eher aus alten Filmen kennt. Auffällig. Unübersehbar. Fast ein wenig dramatisch.

Ein rotes Telefon als Geschenk mit Signalwirkung (Bild: Theresa Amann)


Die Botschaft dazu ist ebenso schlicht wie symbolisch: Wer den Hörer abnimmt, hat am anderen Ende die SBW. Direkt. Ohne Warteschleife. Ohne Umwege. Eine Hotline für den Fall, dass scheinbar Unmögliches plötzlich möglich werden muss.

Als die Leitung auf Rot stand
Genau so war es 2010. Damals drohte der Oberstufe Häggenschwil das Aus. Die Bewilligung des Erziehungsrates zur Führung der Oberstufe lief aus, sinkende Schülerzahlen machten eine Weiterführung unmöglich.

Wer die Geschichte der Oberstufe Häggenschwil kennt, weiss: Solche Krisen sind beinahe Teil ihrer DNA. Seit der Eröffnung 1907 folgte ein Kampf dem nächsten: um Schülerzahlen, politische Mehrheiten und den Fortbestand. Immer wieder stand die Schule auf der Kippe. Immer wieder fand sich ein Weg.

Der Anruf, der alles veränderte
2010 führte dieser Weg zur SBW. «Der Kanton St.Gallen wollte uns vom grünen Tisch aus befehlen, die Oberstufe zu schliessen, was uns ziemlich wütend machte», erinnerte sich der damalige Gemeindepräsident Hans-Peter Eisenring anlässlich des 5-jährigen Jubiläums.

Mit einem Piratenmarsch vor das St.Galler Regierungsgebäude kämpfte das Dorf um seine Oberstufe, vergeblich. Der einzige Ausweg war eine unorthodoxe, noch nie dagewesene Lösung: die Privatisierung. Statt zu kapitulieren, nutzte der damalige Schulrat eine Lücke im Volksschulgesetz, die private Alternativlösungen ausdrücklich zuliess. Er griff bildlich gesprochen zum roten Telefon und suchte das Gespräch mit der SBW. Ein Acting outside the Box.

In einer denkwürdigen Bürgerversammlung stimmte die Bevölkerung im August 2011 mit grosser Mehrheit dafür, das Wagnis einzugehen. Die Oberstufe sollte als staatlich finanzierte Privatschule via Leistungsauftrag von der SBW geführt werden.

«Ein Gänsehaut-Moment, als fast alle ihre weissen Stimmzettel in die Höhe hielten», erinnert sich Reto Ammann an die historische Abstimmung in der Häggenschwiler Turnhalle.

14 Jahre ohne Warteschleife
Damit war die erste privat geführte Oberstufe der Schweiz geboren, eine aussergewöhnliche Zusammenarbeit begann.

«Immer wieder machte die SBW Oberstufe Häggenschwil in all den Jahren mit innovativen Ideen auf sich aufmerksam», resümiert Jan Schneider, Co-CEO der SBW: mit dem Future-Skills-Konzept, Growth Mindset als eigenem Fach, einer Reparaturwerkstatt, einem Hofladen-Guide, Projekten wie «Giardino Verticale» und «Weekly Good News» während der Corona-Zeit, Popmusik statt Pausenglocke, dem Weltrekord-Versuch im Menschen-Matratzen-Domino oder dem Schulversuch «Schlafoptimierung».

Die Schule wurde zu einem Modell für eine kreative Landschule, die die lokale Verankerung einer Dorfschule mit modernen, flexiblen Lernformen verband. Selbst der Hamburger Filmemacher Reinhard Kahl wurde darauf aufmerksam und nahm Häggenschwil als besonders gelungenen Bildungsansatz in sein «Archiv der Zukunft» auf.

Neue Leitungen, neue Regeln
Zweimal wurde der Vertrag vorzeitig verlängert: 2015 bis 2021, 2019 bis 2026. In Fussball-Manier versammelten sich Vertreterinnen und Vertreter beider Partner in einer Umkleidekabine der Oberstufe, streiften Leibchen über und unterschrieben. 2019 zum letzten Mal.

Vertragsverlängerung im Jahre 2019 (Bild: Mark Riklin)


Der Grund: Neue gesetzliche Rahmenbedingungen ermöglichen es, die Oberstufe wieder selbst zu führen. Seit 2019 erlaubt der Kanton St.Gallen auch kleineren Schulen typengemischte Klassen und mehr Flexibilität.

Trotz grosser Zufriedenheit mit dem Engagement der SBW verspürt die neue Behörde Lust, das Ruder wieder selbst zu übernehmen. Deshalb geht Häggenschwil nach einem Entscheid der Behörde wieder den öffentlichen Weg. Vom Kindergarten bis zur Oberstufe wird alles wieder unter einem Dach geführt.

Dankbarkeit am anderen Ende der Leitung
Eine besondere Zeit geht zu Ende. «Dass wir unsere geliebte Oberstufe überhaupt im Dorf behalten durften, verdanken wir diesem einmaligen SBW-Schiff», sagt Schulpräsidentin Astrid Hafner-Popp. «Wir sind stolz auf den Mut und den unbändigen Durchhaltewillen unseres damaligen Schulrates, der damaligen Schulleiterin Maya Boppart und der SBW. Sie haben es gewagt, den Kompass neu auszurichten und einen solch besonderen Weg auf rauer See einzuschlagen. Ohne sie wären wir gekentert.» Nicht zu vergessen sei die Rückendeckung der Bevölkerung, die ebenfalls bemerkenswerten Kampfwillen gezeigt habe.

 

"Ohne sie wären wir gekenntert."

 

Kein Auflegen für immer
Heute, 14 Jahre später, bekommt das rote Telefon eine neue Bedeutung. Die Leitung bleibt bestehen. Doch die erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen der SBW und der Gemeinde Häggenschwil endet. Ab August 2026 wird die Oberstufe Häggenschwil wieder als öffentliche Schule geführt. Der innovative Geist bleibt jedoch erhalten: Schulleiter Alex Boacter sowie der Grossteil des Teams bleiben an Bord.

«Wir sind mit der Arbeit der SBW immer mega zufrieden gewesen», sagt Astrid Hafner-Popp anlässlich des Schulschlussessens. Die SBW habe ein modernes Lernklima etabliert. Unterm Strich bleibe die offene Haltung für diverses Lernen, der Zusammenhalt im Dorf und der Wille, gemeinsam weiterzukommen.

 

Schulschlussessen (Bild: Theresa Amann)


«Es war uns eine grosse Ehre, für diesen schweizweit einmaligen Versuch Hand zu bieten und das Häggenschwiler Schiff durch raue See zu lotsen», sagt Reto Ammann. Das rote Telefon wird künftig wohl seltener klingeln. Aber es wird nicht verstummen. Denn manche Leitungen enden nicht mit einem Auflegen, sondern bleiben als Verbindung bestehen.

Bildungspartner auf Zeit
Zudem könne Häggenschwil anderen Gemeinden in Notlagen die eigene Erfahrung mit Privatisierung auf Zeit aus erster Hand aufzeigen und ihr rotes Telefon zur Verfügung stellen, sagt Reto Ammann in seinem Schlusswort. «Als SBW sind wir stets bereit, unser Wissen und unsere Erfahrung anderen Gemeinden zur Verfügung zu stellen. Wir sind gespannt, wer sich am anderen Ende des Telefons zuerst meldet.»

Filmreihe


Filmreihe von Jelena Gernert
Die Filmerin Jelena Gernert (1974-2024) dokumentierte den Alltag der ersten privatisierten Oberstufe der Schweiz im Jahre 2017 in einer 7-teiligen Filmreihe. Nach einem Eröffnungsbeitrag über Entstehung und Anfänge der SBW Häggenschwil geben 6 Blitzlichter Einblick in die SBW Oberstufe: Leistung (1), Umgang mit Vielfalt (2), Unterrichtsqualität (3), Verantwortung (4), Schulkima (5), Schule als lernende Institution (6). Bilder, die bleiben.
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