Die Kunst des Eintauchens
Seit drei Jahren schreibt der ehemalige SBWler Samuel Ryter (33) für CH Media über alles, was ihn bewegt. Ob Cupkrimi des FC St.Gallen, ein vermisstes Flüchtlingsschiff im Atlantik oder ein Selbstversuch als Antifasnächtler in der Guggenmusik: Die Leidenschaft fürs Erzählen wird in jeder Zeile spürbar.
Text: Mark Riklin
Kybunpark, Pressetribüne, 22.04 Uhr. «Die sind alle platt da unten – dürften sie, würden sie wohl alle längst herumkriechen», heisst es im Tagblatt-Liveticker in der Nachspielzeit des Cup-Viertelfinals zwischen dem FC St.Gallen und dem FC Basel. Beim Stand von 1:1 stellen sich Spieler und Publikum auf eine Verlängerung ein. Nicht so der St.Galler Mittelfeldspieler Carlo Boukhalfa. Er fasst sich ein Herz, drückt den Ball mit letzter Energie und Konsequenz in die Maschen. Noch ist eine Minute zu spielen. Freistoss für Basel. «Läck, isch da spannend!», hämmert Journalist Samuel Ryter in die Tasten. «Pfeifkonzert. Das hält hier kaum jemanden mehr auf den Sitzen. – Watkowiak pflückt den Ball aus der Luft. – Jetzt ist Schluss! St.Gallen steht im Halbfinale!»
Unter Dauerstrom
16 Stunden später in der St.Galler Südbar. Aufarbeitung des Erlebten. «Was war das für eine Nacht im Kybunpark», resümiert Samuel Ryter in schwärmerischen Tönen. Über zwei Stunden stand er unter Dauerstrom, verarbeitete Szenen in Echtzeit, während die nächste bereits lief. Mit dem einen Auge auf der Tastatur, mit dem anderen auf dem Spielfeld. «Ein Format, in das man hineinwachsen muss», sagt er. «Man bekommt stets nur einen Ausschnitt mit, hinkt immer einen Moment hinterher, und es bleibt kaum Raum für Fehler.»
Bereits während seines Volontariats beim St.Galler Tagblatt hatte Ryter einen guten Draht zur Sportredaktion und die Gelegenheit, sich an dieses anspruchsvolle Format heranzuwagen. «Ein Liveticker lebt vom Moment. Er darf und soll emotional, auch mal wertend sein.» Für Ryter ist das eine willkommene Ergänzung zu journalistischen Arbeiten, die mehr Zeit und Reflexion verlangen. Etwa zu seiner grossen Reportage über ein im Atlantik vermisstes Flüchtlingsschiff.
Der Atlantik als Blackbox
Anfang Jahr begleitete Samuel Ryter die Appenzeller Stiftung Humanitarian Pilots Initiative eine Woche lang auf Gran Canaria bei der Suche nach einem Flüchtlingsboot aus Gambia – fernab offizieller Rettungszonen. In einem Propellerflugzeug erhielt er einen Feldstecher, um bei der Suche selbst mitzuhelfen. «Wir haben nach streichholzkopfgrossen Punkten im Wasser gesucht», sagt er im Podcast «Hinter der Schlagzeile». «Von oben wirkt der Ozean ruhig, doch die Wellen schlagen meterhoch, die Suche ist ein Wettlauf gegen die Zeit. 150 Meter über dem Meer ist nur Leere zu sehen, ein surreales Gefühl.» Der Atlantik als Blackbox.
El mar o la muerte
Ryter sprach mit Menschen, die die Überfahrt überlebt haben, und hörte einen Satz immer wieder: «El mar o la muerte – das Meer oder der Tod.» Ein Satz, der erkläre, warum Abschottung und Opferzahlen der Fluchtrealität nicht gerecht würden. Obwohl er sich um journalistische Distanz bemühte, verschwamm die Grenze zwischen neutralem Beobachten und menschlichem Mitfühlen in diesen Gesprächen immer wieder. Wieder zuhause zog es ihm während dem Schreiben den ganzen Körper zusammen. «Mein Körper vibrierte». Die erste Fassung der Reportage sei deshalb entsprechend emotional ausgefallen.
Ein Antifasnächtler in der Guggenmusik
Am 24. Januar 2026 erschien die zweiseitige Reportage «Engel über der Todesroute» in der Wochenendausgabe des Tagblatts. Ganz zufrieden sei er mit dem Endprodukt nicht, sagt Ryter, zu sehr habe ihn die Geschichte aufgewühlt. Vielleicht der Preis dafür, nicht an der Oberfläche zu bleiben, sondern tief einzutauchen, den Dingen auf den Grund zu gehen und sich als teilnehmender Beobachter auf seine Themen voll und ganz einzulassen.
Auch seine jüngste Reportage folgt diesem Prinzip. Guggenmusik sei für ihn lange ein Reizwort gewesen. «Fürchterlich penetrant, diese Katzenmusik. Man konnte mich damit jagen.» Ryter wagte die Flucht nach vorne, meldete sich bei der Herisauer Guggen-Gruppe «Izi bizi tini wini» und liess sich eine rote Posaune in die Hände drücken. Nach drei Proben zog er mit den «Izis» durch die Nacht – von Tuten und Blasen keine Ahnung, musikalisch stets leicht daneben. Nachzulesen ist der Selbstversuch in der amüsanten Reportage «Ein Antifasnächtler in der Guggenmusik».
Box: Werdegang von Samuel Ryter
1992 geboren. 2008-2012 Berufslehre als Mediamatiker mit BMS an der SBW Neue Medien AG. 2012-2017 Verschiedenste Berufserfahrungen. 2017-2019 Freier Autor, 3 Buch-Publikationen. 2019-2023 Berufsbildner an der SBW Neue Medien AG. 2023-2024 Volontariat CH Media. Seit 2024 Redakteur.