Die Sehnsucht nach dem inneren Meer


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Anfangs Jahr erscheint das Booklet zum SBW Bildungsverständnis aus dem Jahr 2021 in einer zweiten und leicht erweiterten Auflage. Ein Gespräch mit Reto Ammann, dem Gesamtleiter des SBW Haus des Lernens, über Sinn & Zweck des Booklets, die Be­griffe «Change Maker» und «Game Changer», und die Sehnsucht nach dem inneren Meer.

Von Mark Riklin (MR)

Aufhänger & Funktion des Booklets

MR: Das Booklet zum SBW Bildungsverständnis ist dir ein grosses Anliegen. Welche Bedeutung bzw. Funktion hat dieses Booklet?

Das Booklet soll einen Einblick geben in unser Bildungsverständnis und aufzeigen, warum und wie wir was machen. In Anlehnung an den Kulturanthropologen Simon Sinek werden im SBW Modell die drei Grundfragen nach dem WARUM («Wage, wovon du träumst»), dem WIE (Fraktal) und dem WAS (Werte & Haltungen, Lehrplan und Future Skills) beschrieben. Das Bildungsverständnis ist unsere Richtschnur, unser Kompass, der uns vorgibt, in welche Richtung wir uns entwickeln wollen, unabhängig von Trends, die kommen und gehen. Zudem ist das Bildungsverständnis der gemeinsame Nenner, der unsere Lernhäuser miteinander verbindet.

Wage, wovon du träumst

MR: «Wage, wovon du träumst» bildet die Klammer des Booklets. Was bedeutet dieser Claim?

Neben dem klassischen Wissenserwerb wollen wir vor allem auch die kleinen und grossen Träume der Lernpartner:innen und Mitarbeiter:innen ernst nehmen. Bildung ist weit mehr als Schulbildung. Als erstes wollen wir selbst wagen, wovon wir träumen. Als zweites andere ermutigen, ebenfalls zu wagen, wovon sie träumen. Damit sind nicht nur unsere Kinder und Jugendlichen gemeint, die wir begleiten, sondern auch unsere Ehemaligen, die uns längst verlassen haben, und in Zukunft vermehrt auch externe Personen und Organisationen, die zwar nicht in der SBW gross geworden sind, aber die gleichen Werte vertreten wie wir.

Öffnung der SBW gegen Aussen

MR: Wie könnte eine solche Unterstützung externer Personen aussehen?

Noch ist diese Öffnung der SBW Zukunftsmusik. Es ist mir aber wichtig, unser System, unsere Kompetenzen und Kontakte in Zukunft vermehrt auch Externen zur Verfügung zu stellen, die ambitionierte Ziele verfolgen und unsere Gesellschaft weiterbringen können. Wir sind der festen Überzeugung, dass ein gesellschaftlicher Wandel notwendig ist. Unser Beitrag, den wir neben unseren Bildungsangeboten leisten können, kann sein, Menschen direkt und indirekt zu fördern mit allem, was uns an Knowhow, Erfahrung und Netzwerk zur Verfügung steht.

Persönlichkeitsentwicklung

MR: Das Begleiten und Weiterverfolgen von Werdegängen hat an der SBW seit vielen Jahren einen besonderen Stellenwert.

Ja, die Persönlichkeitsentwicklung steht im Mittelpunkt. Es gehört zu den Schönheiten des Lehrerberufs, in Kindern und Jugendlichen Potentiale und den Kern einer noch jungen Persönlichkeit zu erkennen und zu fördern, über das Schulische hinaus. Ein Vorbild in dieser Fähigkeit ist mein Vater, der es als Reallehrer verstand, die Jugendlichen bei ihren Interessen, Neigungen und Leidenschaften zu packen. So durfte ein schulmüder Hobby-Fischer ein Aquarium bauen und eine Fischzucht aufziehen. Heute ist er als kantonaler Fischerei-Aufseher der beste Vertreter der Fische, den man sich vorstellen kann, weil er denkt, wie ein Fisch, und so deren Lebensräume bestmöglich schützt.

«Self-Empowered Person», «Change Maker» und «Game Changer»

MR: In der Erweiterung des Booklets sind neu die Begriffe «Self-Empowered Person», «Change Maker» und «Game Changer» definiert. Was ist damit gemeint?

Mit diesen Begriffen sind verschiedene Stufen in der Persönlichkeitsentwicklung gemeint. Die Übergänge zwischen den einzelnen Stufen sind fliessend. Wir wollen Menschen ermutigen, die Regie für ihr eigenes Leben zu übernehmen, um als «Self-Empowered Person» ein selbstbestimmtes, erfülltes Leben führen zu können. Und zu Persönlichkeiten zu reifen, die die Zukunft als «Change Maker» aktiv mitgestalten, Verantwortung für unsere Gesellschaft übernehmen und sich für das Gemeinwohl engagieren. Und in selten Fällen als «Game Changer» gar grundlegende Veränderungen in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft bewirken.

Game Changer im Kleinen

MR: Ist der Begriff «Game Changer» angesichts der Alltagsrealität in unseren Lernhäusern nicht etwas gar hochgegriffen?

Das höre ich immer wieder. Mir ist es wichtig, uns nicht selbst zu begrenzen. Unsere Gesellschaft braucht dringend Persönlichkeiten, die sich etwas zutrauen und den Mut haben, gross zu denken. Nur was wir uns vorstellen können, kann eines Tages Realität werden. In diesem Sinne ist der Begriff «Game Changer» eine Art Wegweiser, der uns eine Richtung vorgibt, damit wir uns auf den Weg machen. Game Changer sein beginnt bereits im Kleinen, indem wir eine Position einnehmen und zu unserer Meinung stehen, auch wenn sie unpopulär ist. Und damit eine festgefahrene Diskussion aufbrechen und vielleicht in eine andere Richtung lenken können.

Ein Beispiel für eine Self-Empowered Person

MR: Eine Self-Empowered Person ist eine Persönlichkeit, die eigene Leidenschaften entdeckt und entfaltet hat. Ein konkretes Beispiel?

Anna Stern (33), eine ehemalige SBWlerin, entdeckte während ihrer Zeit am EuregioGymnasium (2007-2010) ihre Begeisterung für Naturwissenschaften und für Literatur. Beide Leidenschaften machte Anna Stern zum Beruf. Heute leistet sie in zwei ganz unterschiedlichen Bereichen einen wichtigen Beitrag für die Allgemeinheit: Als Mikrobiologin forscht sie an der ETH Zürich im Bereich Antibiotika-Resistenzen, als preisgekrönte Schriftstellerin inspiriert sie ihre Leserschaft mit immer wieder neuen Werken. Soeben ist mit «blau der wind, schwarz die nacht» ihr 6. Buch erschienen. Anna Stern ist eine Self-Empowered Person mit Change Maker- und Game Changer-Potential.

Ein Beispiel für einen Change Maker

MR: Change Maker übernehmen Verantwortung für unsere Gesellschaft und engagieren sich für das Gemeinwohl. Ein konkretes Beispiel?

Da gibt es viele! Zum Beispiel Arno Tanner (28), ein ehemaliger SBWler (SBW Herisau, 2008-2011), der den Grossbrand im Flüchtlingscamp in Moira 2020 zum Anlass nahm, seinen Job als Betreuungsperson an einer Heilpädagogischen Schule aufzugeben und in den Flieger zu sitzen, um sich auf der griechischen Insel Lesbos als freiwilliger, humanitärer Helfer für Menschen auf der Flucht einzusetzen. Seit einem Jahr arbeitet er bei Médecins Sans Frontières (MSF), seit neustem als Field Recruitment & Associative Network Officer.

Ein Beispiel für einen Game Changer

MR: Game Changer bewirken durch innovative Ideen, Strategien oder Handlungen grundlegende Veränderungen in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft. Ein konkretes Beispiel?

Marcel Hug (38), ein ehemaliger SBWler (NET/WBJ 2001-2004), gehört als mehrfacher Paralympics Goldmedaillen-Gewinner, Weltrekordhalter und Träger des renommierten Laureus Sports Awards zu den herausragenden Gesichtern des paralympischen Sports, hat den Rollstuhlrennsport durch innovative Technologien in ganz neue Sphären geführt und ist durch seinen Einsatz und seine Entschlossenheit ein Vorbild für Menschen mit und ohne Behinderung, ein grosser Förderer von Integration und Inklusion und innerhalb der SBW ein wichtiger Botschafter des Projekts «Coubertin meets Dunant».

Die Sehnsucht wecken

MR: Zurück zum Anfang unseres Gesprächs. «Wer ein starkes Warum hat, dem ist kein Wie zu schwer», soll Nietzsche einst gesagt haben. Aller Anfang einer Entwicklung ist die Frage nach dem Warum?

Im Vordergrund steht die Sehnsucht nach einem lohnenswerten Ziel, einem positiven Zukunftsbild, welches Zug und Kraft entwickelt. Diese Sehnsucht zu wecken und zu nähren, ist eine wunderbare Aufgabe. In den Worten von Saint-Exupéry: «Wenn du ein Schiff bauen willst, beginne nicht damit, Holz zusammenzusuchen, Bretter zu schneiden und die Arbeit zu verteilen, sondern erwecke in den Herzen die Sehnsucht nach dem grossen und schönen Meer.»